Der Siemens RK-770 ist - verglichen mit anderen tragbaren Weltempfängern -
nicht gerade eine Schönheit. Er hat so gar nichts von
dem schlanken, eleganten Format eines Sony SW-77 oder von
der Gediegenheit eines Grundig Satellit 700; grau kommt
er daher, wie der Alltag, nüchtern, die Figur ist ein
bischen massig, fast schon klobig, da ist alles dran, was
ein ordentlicher Empfänger braucht, und noch einiges
mehr. Wieviele Weltempfänger bieten schon ein
integriertes Cassettenteil? Und doch: Rein äusserlich hätte
dem Gerät ein etwas attraktiveres Design gut getan.
Man muß ihn nehmen, wie er ist: der RK-770 ist nun mal
ein Typ mit Ecken und Kanten. Quadratisch, praktisch, -
aber: auch gut? Ich behaupte: Auch wenn ihm der
inzwischen schon beinahe selbstverständliche
Synchrondemodulator abgeht, und wenn seine 45 Speicher im
Vergleich mit den Speicherriesen von Sony und Grundig lächerlich
wenig scheinen: Von den Empfangsleistungen her kann der
Siemens seinen Konkurrenten oft genug das Wasser reichen,
und sie in Verbindung mit dem Preselector der ADDX, dem
PRE-1, beim Empfang sehr schwacher und ungestörter
Stationen sogar übertreffen. Und das ist bei einem
Kaufpreis von unter DM 500.- und einem
Gebrauchtmarktpreis, für den man sonst gerade mal ein
besseres Reiseradio bekommt.
Einige Wochen lang habe ich den RK-770 mit den Sonys SW-77
und 2001D und den Grundig-Geräten S-700 und S-500
parallel betrieben. Es stellte sich bald heraus, daß der
Siemens in Verbindung mit dem Pre-1 im Vergleich zu den
anderen Geräten am effektivsten arbeitet. Etwas weniger
stark ist die Wirkung des kleinen Zauberkästchens am
2001D, deutlich schwächer an den beiden Satelliten und
dem SW-77. Apropos: Wer den Preselector beim SW-77 in die
Antennenbuchse steckt, erlebt keine Überraschung: Der
Pre-1 wird zu einer Art zweitem Senderwahlknopf...
In Verbindung mit dem Pre-1 brachte der RK-770 das sehr
schwache Zeitzeichen von CHU in Ottawa, Kanada, auf 14670
kHz klar und deutlich, während es auf den Satelliten
ohne Pre-1 nur rauschte und mit dem Pre-1 kaum zu erahnen
war. Am frühen Nachmittag konnte ich mit dem RK-770 (+
Pre-1) den ..an der Grasnabe nagenden" Sender Abu
Dhabi auf 21735 kHz etwas besser und verständlicher
empfangen, als mit dem 2001D, der allerdings seinen
Nachfolger SW-77 und die beiden Satelliten deutlich übertraf.
Der RK-770 wirkt in der Klangcharakteristik gröber und
holpriger als die Sonys, bei halbwegs stabilem Signal ist
die Verständlichkeit aber schon recht zufriedenstellend.
Beim Empfang von Radio Japan über Gabun auf 17750 kHz
brachte der SW-77 ein schwaches aber klares Signal, sehr
ruhig, das S-Meter tänzelte wie gewohnt um den
Vollausschlag herum, während das S-Meter des S-700 überhaupt
keine Reaktion zeigte. Hier war der RK-770 zweiter Sieger,
erweist sich auch von seinem S-Meter her als verhältnismässig
realistisch. Die Satelliten rauschten etwas stärker bei
allerdings immer noch guter Lesbarkeit, mit leichten
Vorteilen für den S-700.
Am Abend dann kam Radio Korea auf 7550 kHz auf dem SW-77
miserabel, dumpf und verrauscht. Der 2001D und der RK-770
brachten Korea gut verständlich unter Zuhilfenahme des
Pre-1, während der SW-77 auf den Pre-1 wieder einmal
kaum reagierte. Als Masseanschluß für den Pre-1 läßt
sich beim SW-77 nur die Ohrhörerbuchse benutzen, die
somit für den Kopfhörerbetrieb blockiert ist. Die
anderen Buchsen erlauben keine brauchbare Masseverbindung.
Auch Radio HCJB aus Quito auf 15520 kHz kam an diesem
Abend um 21.00 Uhr ziemlich schwach und mit starkem
Fading und konnte nur mit dem RK-770 und dem Sony ICF
2001 D noch aufgenommen werden, auch der S-700 zog noch
so gerade mit, der SW-77 brachte nur Rauschen. Im SSB-Betrieb
liegen die beiden Sonys natürlich in Führung, der SSB-Empfang ist mit dem RK-770 wegen seiner BFO-Lösung allenfalls
zufriedenstellend. Anzumerken wäre noch, daß der RK-770
auf Mittel- und Langwelle sehr brauchbare Leistungen
erzielt, etwas weniger gut als der 2001D, aber besser als
die Grundig Geräte und deutlich besser als der SW-77. Da
es sich um portable Geräte handelt, die gerne auch als
Reisebegleiter eingesetzt werden, habe ich alle Geräte
ganz bewusst nur mit Batterie betrieben. Benutzt wurde
ausschliesslich die Teleskopantenne, um herauszufinden,
was die Empfänger ohne grösseren Antennenaufwand und
aufwendiges Zubehör leisten. Sicherlich können sich die
Resultate beim Einsatz zusätzlicher Antennen und bei
Netzbetrieb noch etwas ändern.
Fazit
Der Rk-770 ist ein Mauerblümchen mit erstaunlichen
"inneren Werten". Er wird vielfach unterschätzt.
Der Siemens hält einem Vergleich mit den wesentlich
teureren Geräten von Grundig und Sony in den meisten
Empfangssituationen durchaus stand. Die Filter arbeiten
so wirksam, daß viele Störungen durch leichtes
Verdrehen der Abstimmung um 1 kHz nach oben oder unten
wirksam entkräftet oder sogar ausgeblendet werden können.
Die Empfindlichkeit des RK-770 mag allein an der
Teleskopantenne nicht immer optimal sein, in Verbindung
mit den: Pre-1 erreicht sie ein Niveau, das in dieser
Preisklasse so schnell nicht überboten werden dürfte.
Auch wenn die Sony- und Grundig-Geräte durch ihre
Synchrondemodulatoren manche knifflige Empfangssituation
für sich entscheiden können, der RK-770 bietet neben
einem kaum zu schlagenden Preis-/Leistungsverhältnis
einen derart soliden Empfang, daß nicht nur Einsteiger,
sondern auch etwas anspruchsvollere Fernhörer, die ein
preiswertes Zweitgerät suchen, ihre Freude daran haben
werden.