Schicke Faltschachtel: Sony SW-100 E
Wenn es möglich
ist, an der Form oder Funktion eines Kurzwellenempfängers
noch etwas grundlegendes zu verändern, wird die Firma
Sony es vermutlich schon auf dem Reißbrett haben.
Nirgendwo sonst scheinen die Ingenieure der
Entwicklungsabteilung ihren Spieltrieb und ihre
Detailliebe so ausleben zu dürfen wie dort im fernen
Osten. Ihr neuester Reiseempfänger für den trendbewußten
Kurzwellenenthusiasten, der "ICF-SW 100", kommt
nun, im ganz aktuellen "Pentop-Design", pünktlich
vor der Reisesaison 1994 zu den Händlern.
Aufmachung
Das Gerät misst 11 x 7 x 2,4 cm und entspricht damit
dem bekannten "ICF-SW 1" auf den Zentimeter
genau. Aus diesem kompakten Gehäuse läßt sich ein 1,3
cm dicker Deckel nach oben klappen. Tatsächlich werden
einige Vorzüge dieser modischen Klapptechnik sofort
augenfällig, denn schliesslich wird die ansonsten knapp
bemessene Fläche, auf der sich Anzeige, Tastatur und
Lautsprecher gruppieren müssen, nahezu verdoppelt. Im
Deckel befindet sich ein üppiges LC-Display mit den Maßen
5 x 3 cm und der Lautsprecher mit einem Durchmesser von
nur etwa 3,6 cm, der sich zudem durch die geringe
Deckelstärke mit weniger als 1,3 cm Einbautiefe begnügen
muß. Ein weiterer Vorzug der "Klapp-ldee"
offenbart sich bei den ersten Bedienungsversuchen. Die
Tasten haben eine ausreichende Größe und liegen
ergonomisch flach, während die LCD-Anzeige aus einem
fast optimalen Blickwinkel eingesehen werden kann.
Auf den Gehäuseseiten drängeln sich vier weitere
Bedienelemente und ebensoviele Anschlußbuchsen ins
Blickfeld. Externe Stromversorgung, Außenantenne, Kopfhörer
und sogar eine "Line-Out-Buchse" zum Anschluß
eines Kassettenrecorders sind dort vorhanden! An der Gehäuserückseite
unter dem Batteriefach kauert eine Teleskopantenne, die
es im ausgezogenen Zustand auf immerhin 67 cm Länge
bringt.
Wie man das kleine Gerät auch dreht und wendet, so muß
man der nahezu perfekten Produktionstechnik des Sony ICF-SW
1000 wirklich Tribut zollen. Nur zwei kleine Schatten trüben
den qualitativen Ersteindruck. Da ist die mit dem Gehäuse
verschraubbare Schutztasche mit ihrem kleinen
Klettverschluß an der vorderen Schmalseite, der schon im
Neuzustand so seine Mühe hat, das Gerät nicht beim
kleinsten Rempler zu entblössen, und der Deckel des
Batteriehalters, der erst leicht nach unten gezogen
werden muß, um dann aufgeklappt werden zu können.
Nachdem die zwei erforderlichen Mignonzellen eingelegt
wurden, sind die Batterien mit dem Deckel in die Federn
des Batteriehalters einzuspannen. Zugleich fungiert der
Deckel als Pluskontakt für die Batterien. Das Scharnier
des Batteriefachdeckels besteht aus hauchdünnem
Messingblech. Es ist zu befürchten, daß dieser
filigrane Deckel der ihm zugedachten mechanischen
Belastung nicht lange standhalten wird. Im Handbuch ist
eine entsprechende Vorwarnung zu lesen: "Öffnen Sie
den Deckel nicht mit Gewalt." und "der Deckel
kann nicht ganz geöffnet werden."
Technik und Ausstattung
Bei der technischen Ausstattung wurde keinesfalls
gespart. Der "ICF-SW 100" ist ein Doppelsuper
mit durchgehendem Frequenzbereich von 150 kHz bis 30 MHz.
Der kleine Sony wirft unter anderem, selbst in dieser
Preisklasse nicht so selbstverständliche Merkmale, wie
SSB-Empfang und Synchrondemodulator mit schaltbaren
Seitenbändern in die Waagschale. Der UKW-Bereich beginnt
bereits bei 76 MHz und ermöglicht über Kopfhörer die
Stereo-Wiedergabe.
Besonderes Augenmerk wurde den Möglichkeiten der
Frequenzabstimmung gewidmet. Wie bei Geräten dieser Größenkategorie
üblich, konnte die praktische und bei Kurzwellenhörern
beliebte "Drehknopfabstimmung" nicht realisiert
werden. So verlegte man sich beim "Sony ICF-SW 100"
darauf, das Handling der "Up-Down Tasten" zu
verbessern. Die Tasten zur Frequenzkorrektur wurden
doppelt ausgelegt; es gibt also gleich vier davon. Die
inneren beiden erlauben Abstimmschritte von I kHz bei AM-
und 100 Hz bei SSB-Betrieb. Die beiden äusseren Tasten
ermöglichen Schritte von 5 kHz (AM), bzw. 1 kHz (SSB).
Hält man eine der Inneren Abstimmtasten gedrückt,
werden recht zügig 6 Abstimmschritte absolviert. Hält
man die Taste weiterhin gedrückt, zieht die
Abstimmgeschwindigkeit kräftig an und imitiert somit
eine Art Schwungradeffekt. An den äußeren Abstimmtasten
bewirkt ein gedrückt halten über die ersten 6
Abstimmschritte hinaus den automatischen Start des
Suchlaufs. Wird ein ausreichend starkes Signal gefunden,
verweilt das Gerät für etwa 1,5 Sekunden auf dieser
Frequenz und läuft dann weiter. Insgesamt wurde mit
diesen doppelt vorhandenen Abstimmtasten ein deutliches
Plus an Bedienkomfort gegenüber der herkömmlichen
Frequenzsteuerung über "Up-Down-Tasten"
hinzugewonnen. Natürlich kann die Frequenz auch direkt
über eine Zifferntastatur eingegeben werden. Eine
korrekte Frequenzeingabe wird mit einem freundlichen
Quittungston unterlegt. Die Tastatur ist griffig, und an
der 5 befindet sich ein fühlbares Zäpfchen für blinde
Hörer. Nicht weniger als 50 Speicherplätze stellt der
"SW 100" seinem Benutzer zur Verfügung. Diese
werden auf 10 Speicherseiten zu je 5 Frequenzen
organisiert. Zu jeder gespeicherten Frequenz kann ein
Sendername mit bis zu 6 Buchstaben eingegeben werden. Der
Sendername wird oberhalb der Frequenzanzeige in großen
deutlichen Lettern im Display eingeblendet. Werkseitig
wurden 6 Speicherseiten mit Frequenzen der "BBC",
der "Voice of America" und "Radio Japan"
vorprogrammiert, die natürlich jederzeit durch eigene
Eingaben überschrieben werden können. Als weiteres
Extra ist die integrierte Weltzeituhr zu sehen, die zu
jeder der 24 Zeitzonen einen Ortsnamen anbieten kann. Auf
Knopfdruck läßt sich für bestimmte Zeitzonen die
Sommerzeit definieren. Sogar die vorgegebenen Ortsnamen
lassen sich vom Benutzer nach eigenen Wünschen verändern.
Wirklich interessant ist die Wirkung der Weltzeituhr auf
die Frequenzabstimmung: Wählt man die Lokalzeit von Los
Angeles als Standarduhrzeit aus, so stellt man damit
zugleich das Abstimmraster der Mittelwelle vom 9 kHz auf
10 kHz um.
Die interne Uhr dient natürlich auch zum Anschalten des
Empfängers auf einer vorprogrammierten Frequenz. Wurde
keine Frequenz zur Weckzeit bestimmt, so mahnt ein
melodisches Piepssignal zum Aufstehen.
Zum Lieferumfang des "ICF-SW 100 E" gehört ein
kleiner Kopfhörer und eine anklemmbare Drahtantenne, die
sauber auf einer Spule aufgerollt werden kann. Ein
Netzteil mit 3 Volt Sekundärspannung hingegen ist nicht
Bestandteil des "ICF-SW 100 E-Sets" und muß
extra gekauft werden. Der kleine Innenstiftstecker, über
den die Spannungszuführung zu erfolgen hat, widersetzt
sich jeder Norm und ist kleiner als die im Handel verfügbaren
Größen. Nicht nur, daß man bei Sony nicht der Ansicht
zu sein scheint, daß der Kunde für seine DM 549.- einen
Lieferumfang erwarten kann, der das Set nach dem
Auspacken sofort einsatzbereit macht, nein, durch den
Sonderstecker zwingt man den Kunden nochmals aus dem Sony-Zubehör-Sortiment
zu wählen. Sollte man etwa den Kaufinteressenten direkt
bewegen wollen zum DM 150.- teureren "ICF-SW 100 S"
zu greifen, bei dem sowohl ein Netzgerät als auch die
neue Aktivantenne "AN-100" inbegriffen ist?
Die Praxis
Durch die kundenunfreundliche Politik wurden die
Tests im Batteriebetrieb mit zwei frischen 1,5-Volt-Mignonbatterien
durchgeführt. Im Handbuch ist die Batterielebensdauer
mit etwa 9 Stunden angegeben worden. Mit den hier
eingesetzten alkalischen Batterien wurden
erfreulicherweise fast 15 Stunden erreicht. Nach dem
Einschalten wurden erst einmal einige kräftige
Standardfrequenzen auf dem 49-m-Band ausprobiert. Dabei
fiel ein relativ hoher Rauschteppich in der Wiedergabe
auf. Der klassische Trennschärfetest zwischen dem
Bayerischen Rundfunk (6085 kHz) und RTL (6090 kHz) gab
keinerlei Grund zur Beanstandung. Bei späteren Ausflügen
ins Tropenband zeigt sich die Trennschärfe weiterhin den
meisten Aufgaben gewachsen. Hinzu kommt der
Synchrondemodulator: Er reduzierte das Fading beträchtlich
und gab darüber hinaus die Möglichkeit, Störungen
durch die Auswahl des weniger betroffenen Seitenbandes zu
entgehen. Der Fangbereich betrug fast +/- 2000 Hz und übertrifft
in dieser Disziplin den "ICF 2001 D" deutlich.
Eine Anhebung der klanglichen Präsenz im Synch-Betrieb
ließ sich zwar prinzipiell erkennen, war allerdings
geringer ausgeprägt als beim bewährten "ICF-2001D".
Die Tonwiedergabe leidet natürlich unter dem extrem
geringen Durchmesser des Flachmembran-Lautsprechers und
der gänzlichen Abwesenheit jeden Gehäusevolumens. Ein
raumfüllender Klang kann nicht erreicht werden, ja
selbst als Badezimmerradio würde ich den "SW 100"
nicht in die engere Wahl mit einbeziehen. Auf der anderen
Seite zeitigt der quäkende "Highpitch" der
Lautsprecherwiedergabe eine sehr gute Sprachverständlichkeit.
Leider leistet sich der "ICF-SW 100" eine
geradezu vernichtende Schwäche in Bezug auf seine
Empfindlichkeit auf Kurzwelle. Mit der Teleskopantenne
konnte in den Nachmittagstunden auf 6075 kHz in
topographisch weniger bevorzugten Lagen noch nicht einmal
die Deutsche Welle identifiziert werden. Das ganze Gerät
wirkte vollkommen tot. Im Heimat-QTH, knapp 200 Meter über
der Stadt, war der Empfang immer noch verrauscht. Mit der
kleinen Drahtantenne zum Anklemmen kamen die
Standardfrequenzen im Rundfunkbereich so einigermassen
herein. Im Amateurfunkbereich konnten im 40-m-Band auf
meinem "ICF 2001 D" mit Teleskopantenne rund 20
QSOs belauscht werden. Mit dem kleinen "ICF-SW
100" und 6m Draht konnten ganze 5 Stationen
nachgewiesen und lediglich 3 gehört werden.
Versuche mit einer "Refcom ADX-32D"
Aktivantenne verbesserten das Bild zwar, solange man den
Abschwächer einschaltete, aber dann neigt der ZF-Filter
des "SW 100" zum klingeln und mitschwingen.
Besonders deutlich wird dieser Effekt, wenn man einen
starken Sender abstimmt und mit der Flanke des ZF-Filters
über die Trägerfrequenz rutscht.
Insgesamt eine vollkommen unbefriedigende Situation.
Scheinbar wurde die Empfindlichkeit des "ICF-SW 100"
auf die Parameter der neuen Aktivantenne "Sony AN-100"
abgestimmt. Als Indiz hierfür kann auch die Beschriftung
der Außenantennenbuchse "Active-Antenna"
herhalten. Keine Frage: Die Empfindlichkeit ins absurde
zu drosseln, um den Betrieb mit einer nur gering verstärkenden
Aktivantenne zu ermöglichen, scheint mir ein ganz
billiger Trick und erneut eine Taktik das teure "SW
100 S-Set" zu verkaufen.
Was nutzt es bei dieser Empfindlichkeit zu loben, daß
die Abstimmschritte von 100 Hz die Einstellung von SSB-Signalen
zum Kinderspiel werden lassen und die
Abstimmgeschwindigkeit im SSB-Modus mit rund 700 Hz pro
Sekunde einen wohl austarierten Kompromiß darstellt, mit
dem man das Band im langsamen Überflug durchstimmen kann,
ohne dabei Stationen zu überhören.
Dem UKW-Bereich ist ein Mangel an Empfindlichkeit fremd.
Eher fehlt es ihm an Spiegelfrequenzfestigkeit und
Trennschärfe. Für normale Ansprüche sind die
Leistungen aber ausreichend. Der erweiterte
Empfangsbereich von 76 MHz an, ist in der Praxis
unerheblich. Interessenten, die sich im Geheimen
ausrechnen, mit dem "ICF-SW 100" Stationen des
BOS-Bereiches abzuhören, muß ich umgehend
desillusionieren, weil der BOS-Funk mit einem
Kanalabstand von 12,5 kHz operiert, während der Sony das
Band in 50-kHz-Schritten durchmisst. Auf den wenigen
genau auffindbaren Frequenzen ist entweder im Umkreis
kein Betrieb, oder eine Geisterstation aus dem
Rundfunkband macht den Traum vom Verbotenen zunichte.
Beim Empfang von Rundfunksendungen auf UKW kommt man im
Kopfhörerbetrieb in den Genuß des Stereoempfangs. Glücklicherweise
ist man bei der Schwelle der Empfangsqualität, die zum
unverrauschten Stereoempfang unerläßlich ist, nicht der
Willkür einer Automatik ausgesetzt, sondern kann auch
manuell auf Monowiedergabe umschalten.
Eine überraschende Sonnenseite offenbarte der Empfang
auf Lang- und Mittelwelle. Hier gab sich der "ICF-SW
100" ausgesprochen empfindlich und konnte seine
weiteren konzeptionellen Stärken, wie Trennscharfe und
Synchrondemodulator voll ausspielen. So konnte gegen 24.00
Uhr MESZ auf 738 kHz die Wiederholung des
deutschsprachigen Programms von Radio France
Internationale für den Großraum Paris vom Sender
Eiffelturm, unter Gleichkanalstörungen zwar, aber doch
dominierend gehört werden. Das Gerät schickt sich an,
sowohl formal, als auch in puncto Bedienkomfort und
Ausstattung neue Maßstäbe zu setzen. Das
vielversprechende Grundkapital des "ICF-SW 100"
wurde durch eine unverständliche Zubehörpolitik (Netzteil)
und durch eine mangelhafte Empfindlichkeit auf Kurzwelle
leichtfertig verspielt. Es fragt sich, wer mit dem Gerät
in der getesteten Version etwas anfangen soll? Der
unbedarfte Urlaubshörer wird versuchen sich nach
preiswerteren Geräten umzuschauen, weil er die Finesse
des SSB-Empfangs kaum nutzen kann Der ambitionierte SWL
hat im Urlaub vermutlich nicht immer Lust, eine
Drahtantenne zu spannen oder eine Aktivantenne zu
installieren, um Leben in das schwerhörige Gerät zu
bringen. Der reisende Kurzwellenhörer bekommt etwas größere
Portabel-Empfänger aus gleichem Hause, die zwar weniger
den Spieltrieb befriedigen, aber dafür mehr Sender
bringen, und darauf kommt es schließlich an.
So bleibt der "SW 100" ein Objekt der Begierde
Wir alle Ästheten und High-Tech-Begeisterten. Auch hier
zeigt sich eine Parallele zum "SW 1", denn auch
der war eher ein Gerät zum herumzeigen, staunen und in
die Vitrine stellen.
Ohne eine sorgsam auf die Belange des "SW 100"
abgestimmte Antenne jedenfalls, bleibt das an sich schöne
Gerät nicht mehr als ein kostspieliger Papiertiger.
Text und Fotos: Mario Gongolsky
Technische Daten
Hersteller: Sony
Typ: ICF-SW 100
Senen-Nr. des Testmusters: 14263
Frequenzbereiche: 150 - 30000 kHz durchgehend, UKW 76-108
MHz
Betriebsarten: AM, AM-Synch. m. Seitenbandwahl, LSB/CW,
USB, FM auf UKW.
Speicherplätze: 50 mit Sendernamen
Timer: 2
Anschlüsse: Kopfhörer, Line-Out, Außenantenne,
Stromversorgung
Betriebsspannung: 3 Volt (2 x 1,5 V Batt. oder Netzteil)
Betriebsdauer: min. 9 Std mit einer Batteriensatz
Besonderheiten: Weltzeituhr
Messungen:
Abmessungen: 11 x 7 x 2,4 cm
Deckelstärke: 1,3 cm
Displaygröße: 5 x 3 cm
Lautsprecherdurchmesser ca. 3,6 cm
Synch-Fangbereich: ca. 3800 Hz
Abstimmgeschwindigk.: AM 70 kHz
(10 Sek.) AM-Scan 100 kHz SSB 7 kHz
Zirkapreise: ICF-SW 100 E DM 549.- , ICF-SW 100 S DM 698
+ leicht zu bedienen
+ gute Trennschärfe
+ Synchrondemodulator
+ SSB-Empfang, Abstimmung 100 Hz
+ vieltältige Anschlußmöglichkeiten
- mangelhafte
Empfindlichkeit
- kein Netzteil im Lieferumfang
- unsolider Batteriehalter
- Filter neigen zum Mitschwingen