Erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde der ICF SW
77 auf der Ham-radio 1991. Ab September '91 war das
Gerät dann lieferbar. Allerdings erwies sich der Verkauf
nach kurzer Zeit als Fehlstart. Sony zog den Empfänger
aufgrund von Mängeln vom Markt zurück. Unzufriedenen
Kunden, die den SW-77 schon gekauft hatten, wurde auf
Wunsch der Kaufpreis erstattet. Seit März 1992 steht nun
die überarbeitete Version des Empfängers für ca. DM
900.- im Laden.
Für diesen Erfahrungsbericht wurde uns freundlicherweise von der
Firma Sony ein Empfänger zur Verfügung gestellt. Der
Vorgänger 2001D hat in den letzten Jahren zahlreiche
Freunde gefunden. Entsprechend hoch waren auch unsere
Erwartungen an das Nachfolgermodell Wir erhofften einen
noch besseren Empfang (besseres Großsignalverhalten,
bessere Trennschärfe, weniger Eigenrauschen und
geringere Abstimmgeräusche), einen besseren UKW-Teil,
einen angenehmeren Klang und eventuell mehr technische
Ausstattung (Speicher & Timer). Ob "der Neue"
diesen Erwartungen gerecht wird, ist im folgenden zu
beschreiben. Als Vergleichsgeräte standen ein 2001D und
ein Satellit 700 zur Verfügung.
Ausstattung
Der SW 77 hat die Abmessungen 27,6 x 17,3 x 4,7 cm
und wiegt mit Batterien (4 Babyzellen) knapp 1,5 Kilo. Er
ist geringfügig kleiner als der ICF 2001D. Die
Ausstattungsmerkmale sollen hier nur stichpunktartig
aufgezählt werden:
- UKW 87,5-108 MHz, auf AM 150 kHz bis 30 MHz
durchgehend
- UKW-Stereo über Kopfhörer
- umschaltbares Abstimmraster 1 kHz / 50 Hz
- Synchrondetektor mit schaltbarem Seitenband
- Vier Abstimmöglichkeiten: Speicherabruf, direkte
Frequenzeingabe, manuelle Abstimmung und Sendersuchlauf
- 162 Speicher für Frequenz, Zeit, Sendername (max.
100) und Betriebsart
- Sender ab Werk vorprogrammiert, können aber verändert
werden
- Uhrzeit umschaltbar UTC/Lokalzeit
- Fünf Timer-Programmierplätze
- Abschalt-Automatik (Sleep-Timer)
- Netzteil, Ohrhörer, Drahtantenne, amerikanischer
Netzadapter, Antennenadapter, deutsche
Bedienungsanleitung, Liste der vorprogrammierten Sender
und Wave-Handbook (in Englisch) im Lieferumfang enthalten
- Bandbreitenumschaltung
- Display beleuchtbar
- Sperrtaste (Key-Protect), verriegelbarer Ein/Aus-Schalter
(Power/Lock) und Abstimmknopf- Verriegelungsschalter (Dial
Lock)
- getrennte Hass- und Höhenregler
- 3stufiger Empfindlichkeitswahlschalter
- Anschlüsse für Außenantenne (nur AM), Recorder-Fernsteuerung
(Remote), Aufnahme (Line out), Ohrhörer und
Stromversorgung
- Mittelwellenraster schaltbar (9/10 kHz)
Bedienung
Die Taste für das Abstimmraster ist äusserst ungünstig
rechts vom Abstimmknopf plaziert. Nahezu jedesmal, wenn
man die Lautstärke verstellt, drückt man mit dem Daumen
auf diese Taste. Das Abstimmrad ist schlechter zu
bedienen als beim SW-55. Es ragt nicht aus dem Gehäuse
heraus und der Rand ist so glatt, daß man häufig mit
dem Finger abrutscht. Die Riffelung ist zu weit innen
angebracht. Die Aufteilung der Tasten in Funktionsblöcke
ist beim SW 55 ebenfalls besser gelungen. Beim SW 77
wirken viele Tasten wie zufällig auf der Gerätefront
verteilt. Blinde und Sehbehinderte werden mit der
Bedienung Schwierigkeiten haben.
Die Frequenzanzeige ist zu klein geraten. Die Beleuchtung
des Displays ist sehr gleichmässig. Leider ist eine
Dauerbeleuchtung auch bei Netzbetrieb nicht vorgesehen,
obwohl die Anzeige dadurch wesentlich besser abzulesen wäre.
Die Abstimmgeschwindigkeiten sind für AM ungünstig gewählt.
Bei "Fast" dreht man sehr schnell über Sender
hinweg, bei "Slow" kommt man einfach nicht vorwärts.
Leider fehlen "Frequency-Step"Tasten, mit denen
sich ein Band schnell im Raster durchstimmen läßt. Das
Mittelwellenraster läßt sich durch einen Schalter im
Batteriefach von 9 auf 10 kHz umschalten. Beim Satellit
700 und SW 55 ist dies komfortabler über Menü-Funktionen
zu bewerkstelligen. Im Gegensatz zum SW 55 und zum S-700
können Sendernamen nur 6stellig abgespeichert werden.
Allerdings bietet der SW 77 auch eine neue Funktion: Zu
jeder Frequenz kann die entsprechende Sendezeit mit
abgespeichert werden. Der Empfänger sucht dann im
Speicherbetrieb die beste Frequenz für diese Uhrzeit aus.
Vorausgesetzt wird allerdings, daß die interne Uhr
korrekt eingestellt ist und die "Auto Tune"-Funktion
mitprogrammiert wurde. Apropos Programmierung: Das
Speicherkonzept mit "Hauptseiten", "Quick-Seiten"
und "Timer-Seiten" sowie die vielen Abhängigkeiten
und Einschränkungen untereinander ist reichlich komplex
und schwer durchschaubar. Die Speicherprogrammierung beim
S-700 und SW 55 ist deutlich einfacher. Ebenso ist
Grundig der Aufbau und die Gestaltung der
Bedienungsanleitung besser gelungen. Zur Standard-Ausrüslung
sollte auch eine Batteriespannungsanzeige gehören. Beim
SW 77 wird erst bei leeren Batterien ein entsprechendes
Symbol sichtbar. Vorher gibt es keine Möglichkeit die
Spannung zu überprüfen. Der Stromverbrauch ist in den
AM-Bereichen recht hoch (ca. 150 mA), sodaß auch die
Baby-Zellen nicht allzu lange halten dürften. Auf UKW
braucht das Gerät etwa 80 mA.
Empfangseigenschaften
Sony weist in der Bedienungsanleitung darauf hin, daß
die Frequenzen 455 kHz, 1004 kHz, 3640 kHz und 6275 kHz
"möglicherweise" durch Oberwellen des
Oszillators gestört werden. Das "möglicherweise"
kann gestrichen werden. Diese Frequenzen werden durch
eigenerzeugte Träger bzw. tackende Geräusche gestört.
Beim SW 77 treten wie beim 2001D Abstimmgeräusche auf.
Dadurch dreht man leicht über schwache Stationen hinweg,
ohne sie zu bemerken. Auf Lang- und Mittelwelle sind
diese Geräusche wesentlich stärker als auf Kurzwelle.
In diesem Punkt ist der S-700 besser. Das S-Meter hat
keine allzu gute Charakteristik. Es schlägt bei allen
Stationen, die brauchbar zu empfangen sind, gleich voll
aus. Das S-Meter des 2001D ist allerdings auch nicht
besser.
Synchrondetektor
Bei einem Empfänger aus der ersten Serie, der im
letzten Herbst für einen Kurzcheck zur Verfügung stand,
funktionierte der Synchrondetektor nicht einwandfrei. Er
brauchte extrem lange, um auf die Trägerfrequenz
einzurasten. Im Synch-Betrieb nahm das Klirren stark zu,
sodaß viele Signale nach Einschalten des
Synchrondetektors unverständlich wurden. Außerdem
verlor er bei Fading häufig die Synchronisation und
pfiff sich jedesmal sekundenlang neu ein. Der
Synchrondetektor des jetzt getesteten "neuen"
SW 77 kennt diese Probleme nicht. Er funktioniert
einwandfrei. Gegenüber dem 2001 D wurde die Logik geändert.
Beim SW 77 muß der Synchrondetektor bei der Sendersuche
nicht abgeschaltet werden. Betätigt man den Abstimmknopf,
dann verliert er die Synchronisation. Nachdem der
Abstimmvorgang beendet ist, rastet er dann automatisch
wieder auf das vorgewählte Seitenband ein. Dieses
Verfahren hat allerdings auch Nachteile: Das "Einrasten"
dauert wesentlich länger als beim 2001D oder beim S-700.
Bei schwachen Stationen oder extrem gestörten Sendern
dauert es unendlich lange. Ausserdem kann das Seitenband
nur per Knopfdruck umgeschaltet werden. Bei dem hier gewählten
Verfahren wäre eine Seitenbandwahl mit dem Abstimmknopf
wie beim 2001D oder beim S-700 besser gewesen. Das
Eigenrauschen des Synchrondetektors ist deutlich geringer
als bei den Vergleichsgeräten. Das nicht gewünschte
Seitenband wird hervorragend unterdrückt, besser noch
als beim 2001 D. Dazu trägt wohl auch das extrem schmale
Filter seinen Teil bei.
Empfang auf LW & MW
Diese Bereiche werden dermassen von eigenerzeugten Störungen
beeinträchtigt, daß selbst der Empfang von stärkeren
Stationen beeinträchtigt wird. So sind z.B. RTL auf 234,
BRT auf 540 oder Hilversum auf 747 kHz mit einem solchen
Tacken, Sirren oder Knattern unterlegt, das das Zuhören
einfach keinen Spass mehr macht. Der Störpegel
verschwindet oberhalb von 1710 kHz schlagartig.
Wahrscheinlich wird hier von der Ferrit- auf die
Teleskopantenne umgeschaltet. Auch durch Anschluß einer
Außenantenne kann man den Störungen nicht entgehen: Die
Ferritantenne wird nämlich nicht abgeschaltet.
Mittelwellen-DX ist somit unmöglich.
Kurzwellenempfang
Die Empfindlichkeit auf Kurzwelle ist hoch. Sie
entspricht in etwa der des 2001D, erreicht aber auf den
oberen Bändern nicht ganz das Niveau des Satellit 700.
Die Filterabstufung ist ähnlich extrem gewählt wie beim
SW 55. Trotzdem läßt sich das breite Filter, zusammen
mit dem Synchrondetektor, viel häufiger auf Kurzwelle
einsetzen als beim SW 55. In diesen Fällen ist die
Wiedergabe sehr gut. Wenn auf das schmale Filter zurückgegriffen
werden muß, dann wird die Wiedergabe sehr dumpf. Da
helfen auch die Tonregler nicht mehr weiter. Die Trennung
von eng beieinanderliegenden Sendern gelingt aber besser
als beim S-700 oder beim 2001D. Nach diesen Erfahrungen
wurde ein Drake R8E für weitere Vergleiche in den
Tropenbändern und unteren Kurzwellenbändern
hinzugezogen. Dieser Vergleich endete mit einem
Unentschieden. Mal war der Sony etwas besser (weniger Übersprechen
vom Nachbarkanal), mal der Drake (klare Sprachverständlichkeit).
Das ist für ein Gerät dieser Preisklasse ein sehr gutes
Ergebnis.
Leider verlief der Anschluß eines 20-m Drahtes nicht so
erfolgreich: Der SW 77 übersteuerte. Mit eingeschaltetem
Abschwächer waren die Mischprodukte zwar verschwunden,
aber das Ergebnis war schlechter als mit der
Teleskopantenne. Großsignalprobleme beim Betrieb mit der
Teleskopantenne, wie sie der S-700 in den Abendstunden
hat, konnten beim SW 77 nicht festgestellt werden. Bei
fast allen Geräten lässt bei Batteriebetrieb die
Empfindlichkeit nach. Dieser Effekt ist beim SW 77
wesentlich stärker ausgeprägt als beim S-700.
Empfang in SSB
Gute Empfindlichkeit, sehr gute Trennschärfe und ein
feines Abstimmraster - das sind eigentlich gute
Voraussetzungen für den SSB-Empfang. Umso größer ist
die Enttäuschung, daß der 2001D - mit 100-Hz-Raster und
breiterem Filter - in nahezu allen Fällen die bessere
Verständlichkeit bringt. Ganz zu schweigen vom Satellit
700, dessen SSB-Wiedergabe - nach einigem Fummeln zwar -
fast an AM-Qualität heranreicht. Warum wurden beim SW 77
weder Feinabstimmung noch manuelle Verstärkungsregelung
eingebaut?
Empfang auf UKW
Sony hat gegenüber dem ICF 2001D das Großsignalverhalten
erheblich verbessert. Übersteuerungen konnten nicht
festgestellt werden. Auch das Eurosignal bereitet keine
Schwierigkeiten mehr. Die Empfindlichkeit ist im
Vergleich zum S-700 eher gering. Auch die Trennscharfe läßt
zu wünschen übrig. So sind viele mittelstarke Sender,
wie z.B. Holland auf 88,2 MHz (neben WDR Bonn 88,0 MHz),
die der Satellit bei mir in Leverkusen einwandfrei empfängt
(mit RDS!), mit dem SW 77 nicht einmal zu erahnen.
Klang
Das NF-Teil wurde gegenüber dem 2001D wesentlich
verbessert. Bass und Höhen können jetzt durch getrennte
Regler eingestellt werden. Dadurch ergibt sich auf UKW
ein voller, runderer Klang. Die Lautstärke sollte nicht
allzu weit aufgedreht werden, sonst fängt das Gehäuse
an zu schwingen. Der Regelbereich der Tonregler ist
allerdings verhältnismässig gering. So ist z.B. auf
Kurzwelle bei der Einstellung "AM-narrow" kaum
noch eine Wirkung festzustellen. Besonders bei Kopfhörerbetrieb
stört das relativ starke NF-Grundrauschen. Auf den
meisten AM-Bereichen schneidet der SW 77 allerdings auch
schlechter ab als der 2001D oder der S-700. Die
Sprachverständlichkeit ist bei diesen Geräten einfach
besser. Unter dem Strich liegen zwischen der NF-Wiedergabe
des S-700 und der des SW 77 immer noch Welten, obwohl der
Satellit auch über keinen großen eingebauten
Lautsprecher verfügt und die Ausgangsleistung nicht grösser
ist. Bei UKW-Stereoempfang ist der Klang mit Kopfhörer -
bis auf das NF-Rauschen - sehr gut. Ein Mono/Stereo-Umschalter
ist übrigens nicht eingebaut.
Fazit
Kurioserweise sind die Kritikpunkte des SW 55 die Stärken
des SW 77. Konnte beim SW 55 der Kurzwellenempfang (AM)
trotz schmalem Filter nicht restlos überzeugen, so ist
genau das die große Stärke des SW 77. Sony hätte nur
ein neues Gerät auf den Markt bringen sollen; den
Frontlautsprecher, Synchrondetektor, die separaten Tasten
für Bandbreite und Betriebsart des SW 77 in den SW 55
einbauen und dessen automatische Bandbreiten-/Betriebsartumschaltung
abklemmen, dann könnten wir an dieser Stelle
wahrscheinlich das beste Kleingerät aller Zeiten
bejubeln. So aber gibt es zwei neue Sonys mit
eingeschränkter Empfehlung. Der SW 55 ist ein kompaktes
Reisegerät mit sehr guter Ausstattung. Allerdings ist
der Stromverbrauch zu hoch. Wer auf diese Ausstattung
keinen Wert legt, kann auch zum Panasonic RF-B65D greifen,
der nach wie vor ein guter Kauf ist. Für wen eignet sich
nun der SW 77? Lang- und Mittelwellenenthusiasten sollten
die Finger von diesem Gerät lassen. Für UKW-DXer ist er
auch nicht sonderlich empfehlenswert. Für Programmhörer
ist der Satellit 700 wahrscheinlich die bessere Wahl.
Sehr gut eignet sich der SW 77 für den eingefleischten
Kurzwellen-DXer, der auch bei den schwierigsten Stationen
noch ein paar Details für einen Empfangsbericht
zusammenkratzen will. 2001D - Besitzer müssen ihr Gerät
aber nicht gleich einmotten. Der neue SW 77 ist zwar
trennschärfer und insgesamt wesentlich ruhiger, bietet
aber nicht mehr die überragende Sprachverständlichkeit
des 2001D.
© Joachim Salisch, J. Bast & U. Bräutigam, Kurier 9 / 1992