Nicht häufig zu finden ist hierzulande der Watkins - Johnson WJ-8888,
ein professioneller High-End-Kommunikationsempfänger mit einer PLL-Syntheseschaltung,
ich konnte einen in perfektem Zustand mit Zubehör bekommen, tnx an OM Franz nach St. Gallen!
Der professionelle Kommunikationsempfänger wurde als 19" Rack-Einschubgerät oder
mit einem Stahlblechgehäuse geliefert, allein das Rackgerät misst 483 x 133 x 495 mm
und bringt 18 kg auf die Waage. Bei einem Gesamtgewicht von über 20 k g mit Gehäuse
ist man um die seitlich angebrachten Traggriffe froh...
Da das Grundgerät nur über einen 600 Ohm - Line out - Ausgang mit regelbarem Pegel
und ein Kopfhörerbuchse verfügt, ist ein externer aktiver Lautsprecher notwendig.
Meine, ebenfalls zum Rackeinbau vorgesehene, Speaker Unit S-9903E misst 483 x 92 x 160 mm;
als weiteres Zubehör gibt es einen abgesetzten Tuningknopf Tuning Control Box
WJ-9588. Ähnlich wie bei modernen Videorecordern kann durch Drehen des Knopfes
die Frequenz nach oben oder unten abgestimmt werden, mit zunehmender Knopfdrehung
nimmt die Abstimmgeschwindigkeit zu. Es handelt sich also um eine abgesetzte
Abstimmhilfe und nicht um einen externen VFO. Beim späteren WJ-8888B finden
sich auf der Frontplatte neben dem Abstimmknopf vier Drucktasten zur Einstellung
der Abstimmgeschwindigkeit, beim WJ-8888 hat man sich auf einen Abstimmknopf mit
elektronischem Schwungradeffekt beschränkt. Bei Betätigung der Abstimmung kommt
dafür beim WJ-8888 das Gefühl auf, wie ich es nur vom alten Heimradio Telefunken
Orchestra aus meiner Kindheit kenne. Mit genug "Schuss" dreht die Abstimmung
eine ganze Zeit weiter und man schafft es, den gesamten Bereich zu durchfahren.
Die Abstimmung läuft seidenweich mit dem idealen Schwungradgewicht.
Rechts unten findet sich der im Betrieb rot beleuchtete Hauptschalter, darüber
neben dem besagten Abstimmknopf die Buchse für den externen Abstimmknopf, zuoberst
die grosse LED-Frequenzanzeige, die die Empfangsfrequenz auf 10 Hz genau ausgibt.
Ein Grossteil der Bedienelemente ist in Form von Tipptasten ausgeführt, bei Aktivierung
leuchtet die entsprechende Taste auf.
In der obersten Reihe der Bedienelemente kann mit dem beiden Tasten ganz links das
Anzeigeinstrument auf Anzeige des Signal- oder NF-Pagels in dB umgeschaltet werden.
Rechts davon in einer langen Reihe die "Detection modes", die Betriebsarten.
Neben AM bietet der WJ-8888 CW mit fixer oder variabler BFO-Frequenz, USB, LSB,
als Spezialität ISB - im "independent side band" modus erfolgten früher Zuspielungen
zu Kurzwellensendern, bei denen in den beiden Sietenbändern unterschiedliche
Programme oder Sprachdienste übertragen wurden. Zu guter letzt gibt es noch FM-Empfang
im ganzen Kurzwellenbereich.
Mit den Tasten in der mittleren Reihe kann die HF-Verstärkungsregelung auf
manuelle oder automatische Regelung umschalten, als Spezialität gibt es noch
die Stellung "Hold AGC". Ein Druck auf die Taste fixiert die HF-Verstärkung auf
dem momentan aktiven Pegel. Die sechs Tasten zur Rechten wählen unter sechs
ZF-Bandbreiten aus, von denen standardmässig das 500 Hz, 2, 4 und 8 kHz-Filter
bestückt sind.
In der untersten Reihe finden sich neben der Kopfhörerbuchse der Pegelregler
für den line-Ausgang, der in Ermangelung eines Ausgangsverstärkers oder eingebauten
Lautsprechers als Lautstärkeregler funktioniert. Ein Schalter dient bei ISB-Sendungen
zus Auswahl des oberen oder unteren Seitenbandsignals. Neben dem auch auf AM wirksamen
Squelchregler für die Rauschsperre folgen als nächstes der RF-GAIN, der Hochfrequenz-
Verstärkungsregler und der BFO-Regler.
Die verbleibenden Bedienelemente dienen zur Speicherverwaltung. In der Standard-
Ausführung verfügt der WJ-8888 über vier Speicherkanäle, es können neben der
Frequenz jeweils alle Funktionseinstellungen wie AGC, Betriebsart und Filter
abgelegt werden. In "Receiver Control Local" wird der WJ local gesteuert,
ein Druck auf die Taste ENTER speichert eine Empfangseinstellung. Mit Druck auf
auf MEMORY blinkt diese Taste und die gespeicherten Einstellungen werden angezeigt.
Mit dem BCD-Umschalter kann nun der richtige Stationsspeicher ausgewählt werden,
ein Druck auf EXECUTE übernimmt die gespeicherten Werte. Mit der Einstellung
REMOTE kann der WJ-8888 ferngesteuert werden. Die Beschränkung auf nur Speicherkanäle
ist nur relativ. Der Empfänger konnte auf 16 Speicher aufgerüstet werden, damals
waren Speicherbausteine noch teure Extras, bei denen sogar bei einem "highest end" -
Empfänger eingespart wurde.
Die Bedienung ist wie oft bei professionellen Empfängern etwas gewöhnungsbedürftig:
Zunächst muss an den "line out"-Ausgang der aktive zum WJ-8888 gehörige Lautsprecher
oder ein anderer Verstärker angeschlossen werden, es sei denn, man beschränke sich
auf den Einsatz von Kopfhörern.
Nach dem Einschalten muss mit Tastendrücken auf NORM AGC, 4 (kHz) und AM der Empfänger
dazu gebracht werden, normale AM-Signale zu empfangen. Mit dem Abstimmknopf muss
man sich dann an die gewünschte Frequenz "herankurbeln", der enorm gut Schwungradeffekt
und die elektronische Beschleunigung der Abstimmung bei raschem Drehen vereinfachen
sie Sache etwas, direkte Frequenzeingabe findet sich erst beim Nachfolgegerät
WJ-8718A/MFP mit dem "Microprocessor Front Panel". Immerhin können interessante
Stationen abgespeichert werden, wenn auch mit den vier Speicherplätzen sparsam
umgegangen werden muss. Mit dem externen Abstimmknopf kann die Abstimmung erleichtert
werden: eine Drehung des Knopfes nach rechts lässt die Frequenz nach oben steigen,
mit zunehmender Knopfdrehung nimmt die Abstimmunggeschwindigkeit zu, man kann wie
ein Schiffskapitän auf "langsame Fahrt voraus > schnelle Fahrt voraus" gehen. Eine
Linksdrehung des Abstimmknopfes ausgehend von der Neutralposition verstimmt die
Frequenz nach unten. Mit sorgfältig dosierter Abstimmgeschwindigkeit und eingestellter
Rauschsperre Squelch kann so eine Suchlauffunktion imitiert werden, wird eine
interessante Station gefunden, muss der Abstimmvorgang schnell von Hand beendet werden.
Empfangmässig habe ich den WJ-8888 bisher im Tropenband und auf der Suche
nach dem schwachen Signalen im 48m-"Piraten"band ausgefahren. Dass starke internationale
Rundfunkstationen problemlos wiedergegeben werden, ist nicht anders zu erwarten.
© Martin Bösch 10.6.2005